Menu

Schon fast 1300 Menschen haben für die Kampagne «Zeig deinen Lohn» veröffentlicht, wie viel sie monatlich verdienen. Das Thema Geld ist in der Schweiz nach wie vor ein rotes Tuch: Darüber zu sprechen, wer wie viel Geld auf dem Konto hat, ziemt sich nicht.

Dass dadurch strukturelle Diskriminierungen und die daraus entstehende Lohngefälle einfacher unter den Teppich gekehrt werden können, scheint keine Rolle zu spielen. Besonders auffallend: Jedes Mal, wenn darüber berichtet wird, dass Frauen in der Schweiz im Schnitt nach wie vor weniger verdienen als Männer, braut sich vor allem im Netz ein neuer Shitstorm zusammen. Laut Isabelle Lüthi, Kommunikationsverantwortliche von «Zeig deinen Lohn», leiden online vor allem die Frauen selber: «Die Frauen, die sich im Rahmen unserer Kampagne öffentlich geäussert haben, werden persönlich angegriffen durch die Abwertung ihres Äusseren, ihrer Statements oder ihres Berufes. Aber auch dafür, dass sie sich offen aussprechen. Frauen werden für ihre Offenheit verbal viel extremer bestraft als Männer. Kommentare à la „Ja, die muss sich ja nicht beklagen…“ sind bei Frauen viel häufiger und derber. Einige Frauen haben deswegen ihre Einträge auch wieder zurückgezogen.»

Gemeinsam gegen Hass im Netz
Hate Speech ist seit jeher ein beliebtes Mittel, um Frauen durch das Abwerten ihrer Stimme zum Schweigen bringen zu wollen. Die ehemalige Politikerin Jolanda Spiess-Hegglin machte selber Erfahrungen damit im Rahmen der medialen Kampagne aufgrund ihrer Vorwürfe an SVP-Politiker Markus Hürlimann. Daraufhin gründete Spiess-Hegglin den Verein «Netzcourage», der sich gegen Hass im Internet einsetzt: «Entstanden ist der Verein aus der Not heraus. Ich war damals in einer Situation, in der ich nicht mehr wusste, was tun und fast verzweifelte. Ich brauchte jemanden, der mir zuhören kann und sagen kann, was ich tun soll.» Ihr Verein sei vor allem dafür da, damit Opfer jemanden zum Reden haben und soll dadurch eine erste Anlaufstelle bieten. Bedarf sei da, sagt Spiess-Hegglin, extrem viel sogar: «Ich habe mehrere Anfragen pro Tag nach Direkthilfe, die ich ablehnen muss, weil ich einfach zu wenig Personal dafür habe. Deshalb kümmere ich mich momentan auch um die Finanzierung des Vereins.» Seit zwei Jahren arbeitet Spiess-Hegglin ehrenamtlich, nun sollen Stiftungen zum Einsatz kommen. Aber: «In der Schweiz sind wir diesbezüglich anscheinend einfach noch nicht so weit. Dass Hate Speech ein ernstzunehmendes Problem ist, kommt erst langsam in den Köpfen der Leute an. Oft höre ich von Stiftungen deshalb, dass sie den Verein gerne unterstützen würden, das Thema aber einfach nicht in ihrem Fokus liegt.»

Auch die alliance F plant, sich aktiv einzuschalten, was Hate Speech im Internet angeht. Laut der Projektleiterin Sophie Achermann wird ein Team aus freiwilligen Helfer*innen dort einschreiten, wo online Hasskommentare geschrieben werden – um dann mit geeinten Kräften in den Kommentarspalten eine sachliche Diskussion zu starten. «Es geht uns bei diesem Projekt auch um Medienkompetenz. Viele Leute haben immer noch das Gefühl, das Internet sei eine andere Welt. Dabei ist das Leben genauso real online, man kann dort genauso verletzt werden und Narben davontragen wie offline auch. Sexistische Aussagen sind ja nicht strafbar, aber es hat sicher keinen guten Einfluss auf unsere Gesellschaft, wenn man immer wieder liest, dass Frauen weniger wert sind. Wir können das Internet auch verändern, und nicht nur diesen lauten und bösen Menschen.»

Frauen haben noch immer still zu sein
Eine Frau, die ebenfalls immer wieder und vor allem diesen Sommer besonders krass mit Hate Speech konfrontiert wurde, ist die Juso-Präsidentin Tamara Funiciello. Im August äusserte sich sich im Rahmen einer Rede über Gewalt an Frauen in einem Nebensatz über den Schweizer Sommerhit «079» von Lo und Leduc. Dieser sei problematisch, da man den Text auch sexistisch interpretieren könne. Für diesen einen Satz wurde Funiciello auf Social Media massivst angegangen, immer wieder auch auf sexualisierte Art und Weise, die Tageszeitung «Schaffhauser Nachrichten» druckte gar eine besonders frauenverachtende Karikatur inklusive Funiciellos echter Handynummer ab. Alles nur, weil sie sie öffentlich kontrovers geäussert hat. Über das Thema, um das es der Politikerin bei ihrer Rede eigentlich ging, wurde fortan nicht mehr berichtet. «Ich war vor allem wütend. Denn es wäre so wichtig über Gewalt an Frauen zu sprechen. Es wäre so nötig etwas zu verändern. Und statt das zu tun, haben wir über einen Satz gesprochen, der aus dem Kontext einer ganzen Rede herausgerissen wurde. Das ist nicht zielführend. Und dass Frauen so krass angegriffen werden, wenn sie sich äussern zeigt noch mehr, wie nötig das ist», so Funiciello. Was ihr hilft, sagt sie, ist ihr Umfeld mit vielen Menschen, die sie unterstützen. Sie selber ist nach wie vor überzeugt von dem, was sie leistet: «Ausserdem habe ich das Glück, Präsidentin einer Partei zu sein, die mir hilft mich ein Stück weit abschirmt, von dem was passiert, mich bekräftigen und Support geben. Das ist genug Ansporn für mich, um weiter zu machen.»

Frauen, steht für Funiciello fest, haben still, nett und schön zu sein. Die Gesellschaft sei sich nach wie vor nicht gewohnt, Frauen in der Öffentlichkeit als Leaderfiguren zu sehen: «Und wenn man – wie ich – das nicht tut, sein Ding durchzieht, immer sagt, was gesagt werden muss, dann wird man angegriffen. Und zwar brutal. Man wird auf sein Äusseres reduziert, man wird bedroht und angefeindet. Weil man eine Frau ist.» Es bleibt also einmal mehr an uns Frauen selber hängen, etwas zu ändern. Für den Moment durchzuhalten, uns gegenseitig eine Stütze zu sein und darauf zu hoffen, dass sich das Überdauern der Shitstorms lohnen wird.

Dies ist ein Gastbeitrag von Miriam Suter.

Diese Plattform wird unterstützt von: