Eine neue Gesprächskultur statt Statistik

Ein wiederkehrender Kritikpunkt an Plattformen wie «Zeig deinen Lohn!» betraf die Vergleichbarkeit der gezeigten Löhne. Kritikerinnen und Kritiker bemängelten, dass die veröffentlichten Angaben keine sauberen Vergleiche zuliessen, da wesentliche Einflussfaktoren fehlten: Berufserfahrung, genauer Arbeitsort, Ausbildungsniveau oder Branchengrösse wurden nicht systematisch erfasst. Zwei Personen mit demselben Berufstitel konnten so trotz sehr unterschiedlicher Voraussetzungen nebeneinander erscheinen, ohne dass diese Unterschiede sichtbar wurden.

Die Initiantinnen und Initianten entgegneten diesem Einwand mit einer grundsätzlichen Klarstellung: Ziel der Plattform sei nie eine statistisch exakte Vergleichbarkeit gewesen, sondern die Auflösung des Gesprächstabus rund um den eigenen Lohn. Lohndiskriminierung sei in ihrem Kern kein statistisches, sondern ein kulturelles Problem – ein Problem des Schweigens. Erst wenn Menschen es gewohnt sind, offen über Gehälter zu sprechen, entsteht der soziale Druck, der Arbeitgeber dazu zwingt, ihre Lohnentscheide zu begründen. Genau dieser Begründungszwang, so das Argument, mache diskriminierende Lohnunterschiede auf Dauer schwerer haltbar, unabhängig davon, ob jeder einzelne Vergleich statistisch hundertprozentig sauber ist.

Um dennoch einen minimalen gemeinsamen Massstab zu schaffen, verlangte die Plattform von den Teilnehmenden die Angabe des monatlichen Bruttolohns bei einem Vollzeitpensum von 100 Prozent. Diese Umrechnung auf Vollzeitäquivalente sollte zumindest die gröbste Verzerrung durch unterschiedliche Arbeitspensen ausgleichen. Gleichzeitig wurde eingeräumt, dass der tatsächliche Nettolohn, der bei den Menschen ankommt, von weiteren Faktoren abhängt, etwa vom effektiven Teilzeitgrad, von der Anzahl Monatslöhne im jeweiligen Arbeitsverhältnis oder von allfälligen Familienzulagen.

Wer die eigene Situation trotzdem grob einordnen möchte, findet Orientierung im Lohnvergleich nach Beruf.